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Peter Deckers Thesen für die Podiumsdiskussion mit Heinrich (25.04.12)

20. April 2012

Die Thesen von Peter Decker vom GegenStandpunkt für die Podiumsdikussion mit Michael Heinrich am 25.04.2012 in Bielefeld, die es auf der Webseite des Veranstalter als PDF gibt, hier nochmal in HTML umgewandelt:
Thesen zu den Charaktermasken des Kapitals, den sozialen Klassen – und was für antikapitalistische Politik daraus folgt
1. Die Klassen
a) Wie die Klassen erscheinen, weiß jedes Kind: Nämlich als eine gespaltene Gesellschaft, aufgeteilt in eine extrem reiche Minderheit, eine größere Minderheit extrem armer Bürger und dazwischen eine stufenlose Hierarchie von Einkommen, Konsumniveau, Existenz(un-)sicherheit, Gesundheit, Kultur und sogar Lebensspannen. Dazu braucht man keinen Marx. Diese Fakten beklagen von ihrem Blickwinkel aus auch Kirchen, Gewerkschaften, politische Parteien.
b) Wer von Klassen redet, sagt mehr als die Soziologenphrase von der sozialen Ungleichheit. Er benennt den Grund für die ungleiche Verteilung der Glücksgüter: Mit der Stellung zum Eigentum an den Produktionsmitteln, – ob nämlich einer sie besitzt oder ob er nur sich selbst als Eigentum besitzt, – sind das Erwerbsleben und die Resultate der individuellen Anstrengungen vorentschieden und im Durchschnitt nicht mehr entscheidend veränderbar. Der Besitz „ökonomisch relevanten Eigentums” (Heinrich) erlaubt seinem Besitzer den Arbeits- und Lebensprozess der Gesellschaft als Instrument der eigenen Bereicherung auszubeuten: Nur er hat die Mittel, Arbeit zu organisieren, Produktion zu unternehmen und die für sich hilflose Arbeitswilligkeit der eigentumslosen Masse wirksam werden zu lassen – natürlich unter der Bedingung, dass der Prozess sein Eigentum vermehrt. Die exklusive Verfügung einiger über die Instrumente des materiellen Reichtums legt umgekehrt die große Masse der Bürger darauf fest, Diener am Wachstum fremden Eigentums zu sein und eigenes Einkommen nur erzielen und aufbessern zu können, indem sie den Vermögens-Zuwachs der anderen Seite vergrößert. Die Besitzer der Ware Arbeitskraft können sich aus dieser Lage durch Arbeit nicht befreien. Deshalb ist das Etikett „Klassengesellschaft” eine fundamentale Kritik: Es charakterisiert ein System, das die Vielen auf den Dienst am Wachstum eines fremden Reichtums festlegt, von dem sie nichts haben; ein System, das ferner alle sonstigen Schichten und sozialen Rollen, die nicht Kapitaleigentümer oder Lohnarbeiter sind, diesem die Gesellschaft beherrschenden Gegensatz zuordnen.
c) Die Betroffenen sehen ihre Lage anders. Weil sie nicht per Geburt in einer Kaste oder einem Stand eingesperrt sind, sondern frei mit ihrem Eigentum um ökonomischen Erfolg konkurrieren dürfen, wollen sie auch nichts davon wissen, dass eine durch Eigentumslosigkeit definierte Klassenlage ihr Leben weitgehend vorherbestimmt. Dass es ihnen um sich gehen darf, dass sie von niemandem gezwungen werden, Arbeitsverhältnisse einzugehen, als von ihrem Erwerbsinteresse bzw. ihrer Geldnot, das legitimiert in ihren Augen die Resultate ihres Strebens als Produkte ihrer Leistung: Konkurrenz erzeugt Gerechtigkeit! Ausnahmen – vom Tellerwäscher zum Millionär -beweisen, dass es geht; dass es also bei der Klassenlage nicht darauf ankommt, was sie ist, sondern was einer daraus macht. Die Konkurrenz, zu der sie berechtigt und willens sind, verdeckt ihnen, dass eben diese Konkurrenz freier und gleicher Bürger dem Inhalt nach ein einseitiges Dienstverhältnis vermittelt zwischen einer herrschenden Klasse, die sich die Früchte der gesellschaftlichen Arbeit aneignet und einer dienenden Klasse, die dauerhaft in Existenzunsicherheit und relativer oder absoluter Armut lebt.
d) Da gibt es für die kapitalismus-kritische Linke also etwas zu tun: Die Kritik des falschen Bewusstseins der Opfer des Systems. Denn wenn sie ihre Klassenlage sehen würden, wie sie ist, würden sie sich die nicht gefallen lassen. Sie kennen sich als „Wir da unten, ihr da oben”, halten sich für „sozial schwach”, schwanken zwischen Selbstzweifeln, weil sie es „nicht weit bringen” und durchsichtigem Größenwahn. Aber eines wissen und billigen sie nicht: Dass sie die Deppen des Laden und auf der Welt sind, um zu arbeiten und andere reich zu machen, und dass sie sie Macht, sie auszunutzen, durch ihre Dienste auch noch selbst herstellen.
2. System – Charaktermaske – Mensch
a) Wenn man mit Marx vom Kapital als einem „automatischen Subjekt” spricht und von den Menschen als Charaktermasken und Personifikationen des Kapitals, formuliert man zunächst einmal ein Rätsel, das aufgelöst werden muss. Die Akteure sind nämlich keine Marionetten, sondern selbstbewusste Menschen, die ihre Interessen haben und wissen und Mittel einsetzen, um sie zu realisieren. Man muss erklären, wie es dazu kommt, dass sie die Gesetze des Kapitals exekutieren, die sie gar nicht kennen; und dass sie durch Betätigung ihrer bewussten Interessen ökonomische Sachzwänge in die Welt setzen, an denen manche scheitern.
Die erste Quelle der „subjektlosen” Macht des Kapitals und seiner Sachzwänge ist die gar nicht subjektlose Macht des Staates. Verfassungsgemäß etabliert und garantiert die politische Gewalt das Privateigentum, ein Recht auf ausschließendes Verfügen über bearbeitete und unbearbeitete Natur wie über eigene Arbeit. Das private Verfügen erstreckt sich auf Mittel der Konsumtion, die jeder braucht, wie auf die Mittel der Produktion, die erst recht jeder braucht. Die Staatsgewalt setzt vor alles Benutzen das eigentumsrechtliche Besitzen und definiert dadurch, was in dieser Gesellschaft Reichtum ist: Nicht nämlich ein Haufen von nützlichen Dingen, sondern die im Geld quantifizierte Verfügungs- und Zugriffsmacht auf sie. Und sie macht diese gesellschaftliche Zugriffsmacht – ein Rechts-, also ein Gewaltverhältnis – zum ökonomischen Hebel, zur Quelle von neuem Reichtum: Zugang zu dem, was einer besitzt, gewährt er anderen, die es brauchen, nämlich nur, wenn die ihm dafür einen Gegenwert liefern oder Dienst leisten, dessen Größe sich aus dem Grad ihrer Angewiesenheit auf das Eigentum des anderen ergibt. Nur unter der politischen Gewalt des Eigentums werden Arbeitsmittel zu Instrumenten der Aneignung fremder Arbeitsleistung, nur unter dieser Bedingung verwandeln sich die Lebensbedürfnisse der Habenichtse für sie zum Zwang, sich fremden Geldinteressen dienstbar zu machen.
b) Auf Basis des politischen Zwangs zum Verkehr als Privateigentümer zwingen die Akteure einander die Logik und die Konsequenzen ihrer Erwerbsquellen dadurch auf, dass sie sie in Konkurrenz zu einander betätigen: Anbieter der gleichen Warenart konkurrieren um dieselben Nachfrager und bekommen von der Gesamtheit der Anbieter und Nachfrager, „dem Markt”, mitgeteilt, was ihr Angebot wert ist. Die Rückwirkung des eigenen Interesses auf den kapitalistischen Akteur, dadurch, dass andere dasselbe Interesse verfolgen, bringt dabei weder neue oder noch andere Zwecke in die Welt, als in den Erwerbsquellen, die die Akteure betätigen, selbst schon stecken. Mit dem Zweck der Geldvermehrung durch Einsatz seines Eigentums tritt der Kapitalist, mit dem Zweck des Geldverdienens durch Arbeit tritt der Arbeiter schon in die Konkurrenz ein, weil andere mit denselben Interessen ihm aber den Markt, die Arbeitskräfte, den Arbeitsplatz streitig machen, zwingen sie einander, nicht den Zweck, aber die Messlatte des Erfolgs ihrer Zweckverfolgung auf und machen dadurch die „inner tendencies” des Kapitals (bzw. der Lohnarbeit) zu äußeren, jedem Akteur gegenüber verobjektivierten Gesetzen. [Marx, Grundrisse, MEW 42, S. 550f, 558f, 644] Jedem einzelnen treten so die Erfolgsbedingungen seines kapitalistischen Interesses und die Mittel, die er dafür ergreifen muss, als äußere Fakten und Sachzwänge gegenüber, denen er genügen muss, um Erfolg zu haben.
Der Unternehmer z.B. will durch Einsatz eines Kapitalvorschusses einen Überschuss erzielen, eine Gelddifferenz – und zwar eine möglichst große. Dieser Zweck ist weit hinaus über den bescheidenen Gesichtspunkt von Bedürfnis und Lebensunterhalt. Der Bedarf nach Geld ist – anders als der nach allen anderen Gütern – per se maßlos; und der nach Geldquellen ist es erst recht. Was der Kapitalist will, ist Wert und Wertsteigerung. Was er nicht kennt und nicht will, ist das Wertgesetz, das er und seinesgleichen durch ihre allseitige Aktion erzeugen und dem sie unterliegen.
Die Konkurrenz zwingt die Wirtschaftssubjekte nur zu den Konsequenzen, die in ihren ökonomischen Mitteln schon eingeschlossen sind – und das heißt für die gegensätzlichen Klassen Gegensätzliches: Sie zwingt die Kapitalisten zum Einsatz der Mittel ihres Zwecks: Um den angestrebten Überschuss über ihre Kosten zu erzielen, müssen sie die Kosten ihrer menschlichen und sachlichen Produktionsfaktoren senken und die einmal bezahlten Faktoren möglichst ausgiebig nutzen. Sie müssen gar nichts wissen vom Unterschied zwischen dem lebendigen Arbeitsvermögen und den technischen Anlagen: Sie machen automatisch das für sie Richtige, wenn sie beide billigst einkaufen und intensiv nutzen. Sie haben Mittel ihres Erfolg, die Konkurrenz zwingt sie, sie auf dem gesellschaftlich gültigen Niveau einzusetzen.
Für Arbeitskräfte sieht die Sache anders aus: Sie sind selbst die Mittel ihres Erfolgs; auch sie zwingt die Konkurrenz zur Kostensenkung. Nur sind sie selbst diese Kosten: Sie müssen sich billiger anbieten, länger arbeiten, sich mit Fähigkeit und Willigkeit dem Kapital nützlicher machen als der Mitbewerber um den Arbeitsplatz. Den Kapitalisten zwingt die Konkurrenz zum effizienten Einsatz seiner Mittel, um seinen Geldmaterialismus zu befriedigen, den Lohnarbeiter zum Verzicht auf seinen Materialismus.
3. Klassenbewusstsein und Klassenkampf, wie es sie gibt – und wie wir sie brauchen.
a) Kapitalismuskritik wendet sich an die lohnabhängige Mehrheit. Denn erstens bleibt im diesem System deren Materialismus auf der Strecke, während die reiche Minderheit ihren Materialismus als Abfallprodukt der Kapital-Akkumulation außerordentlich gut bedient sieht. Die Lohnabhängigen haben also guten Grund, den ruinösen Dienst am Kapital abzuschütteln. Zweitens haben auch nur sie die Macht dazu: Mit ihrer Arbeit reproduzieren und vergrößern sie beständig die Macht des Kapitals über sich. Die endgültige Verweigerung ihres Dienstes entzieht dem Kapital die Macht über die Gesellschaft und dem Staat die Mittel ihrer gewaltsamen Sicherung.
b) Dabei ist es nicht so, dass es kein Klassenbewusstsein gäbe – nur was für eines! Der Gegensatz von Lohn und Profit ist kein Geheimnis. In den Gewerkschaften ist das Bewusstsein organisiert, dass der Arbeiter nur einerseits als freier Eigentümer seiner Einkommensquelle für sich sorgen und um seinem Vorteil konkurrieren kann. Damit seine Arbeit als Einkommensquelle überhaupt funktioniert, braucht er auch das Gegenteil, die Aufhebung der Konkurrenz, den Zusammenschluss mit seinesgleichen: Nur kollektiv kann er der beherrschenden wirtschaftlichen Macht, den Kapitaleignern, als Verhandlungspartner gegenüber treten und steht nicht gleich als hilfloser Bittsteller da. Freiwillig – soviel Einsicht steckt in diesem Zusammenschluss – zahlt die andere Seite gar nichts.
c) Das Bewusstsein des Gegensatzes wird allerdings ergänzt durch sein Gegenteil: Genau die Profitgeier, die ihm nichts gönnen, braucht der Lohnarbeiter in der Rolle der Arbeitgeber: Nur sie können mit seiner Arbeitsbereitschaft etwas anfangen und ihm einen Lohn zahlen. Die widersprüchliche Stellung führt dazu, dass die Lohnabhängigen den Gegensatz der Interessen von vornherein nur unter dem Gesichtspunkt der angestrebten Versöhnung zur Kenntnis nehmen. Sie treten den Interessen der anderen Seite nicht ebenbürtig mit den eigenen Interessen entgegen, sondern mit einem Antrag auf Kompromiss, der doch möglich sein sollte, weil sie das Recht der Kapitalisten auf Profit ja nicht bestreiten. Sie pflegen eine „personalisierende Kapitalistenkritik”: Nicht in dieser Klasse und ihrem objektiven Interesse sehen sie ihren Gegner, sondern im einzelnen „raffgierigen Egoisten”, der nach „Maximalprofit” statt Normal-Profit strebt, dem es „nur um Profit und nicht um die Menschen geht”; eben in dem schlechten Menschen, der den Kompromiss verweigert, den er sich doch leicht leisten könnte.
d) Was es braucht und was fehlt, ist die moralfreie Einsicht, dass das Kapital und seine Agenten sich nicht eine Versündigung an einer eingebildeten Gemeinsamkeit und auch keinen Verrat an einer sozialen Verantwortung zu schulden kommen lassen, sondern dass ihr Interesse eben das Allgemeininteresse dieser Gesellschaft ist, von dem alle anderen Interessen abhängen, dem sie alle nachgeordnet sind. Kapitalisten erfüllen ihre soziale Pflicht, wenn sie ihren Profit mehren, denn Volks- und Gemeinwohl, soziale Verantwortung etc. haben zur Voraussetzung, dass die Mittel dafür erst einmal – kapitalistisch natürlich – erwirtschaftet sein müssen. Die Arbeiterschaft hat zu erkennen, dass die ganze Ordnung ein zum System gewordenes feindliches Interesse gegen sie und dass ihre eigene Erwerbsquelle kein Besitzstand ist, sondern nichts als die freiheitliche Form der Dienstbarkeit für fremde Zwecke.

Kategorien(1) MG + GSP Tags:
  1. Kaiser Franz
    21. April 2012, 09:12 | #1

    Hallo,
    hoffentlich wird die Veranstaltung aufgezeichnet und irgendwo als Audio zum download angeboten. Könnte da jemand was veranlassen?
    Grüße von
    Franz dem Kaiser

  2. 21. April 2012, 10:24 | #2

    Da diese Frage auch schon vor der Veranstaltung mit Renate Dillmann, Ilka Schröder und Thomas Ebermann sorgenvoll gestellt wurde, auch jetzt wieder der Hinweis, daß die Veranstalter zugesichert haben, das online zu stellen.

  3. Ignaz
    4. Mai 2012, 14:47 | #3

    Bis heute noch nichts dazu online, weder bei den Hostern, noch sonst im Netz.
    Im Grunde genommen aber, sind die Positionen „beider“ ja bekannt. Mich würde deshalb vor allem interessieren, ob im Dialog ein grundsätzlicher Konsens über Kapitalismuskritik hergestellt werden kann und darin etwas von der sonst üblichen Abgrenzung aufgehoben werden kann.

  4. 4. Mai 2012, 22:11 | #4

    Ja, leider haben die Veranstalter auch noch nicht einmal auf diverse Anfragen reagiert. Und bisher habe ich noch nicht mal rauskriegen können, ob es noch andere Aufzeichnungen gegeben hat.

  5. 5. Mai 2012, 14:04 | #5

    Ein erster Kommentar von jemand, der Michael Heinrich nach der Veranstaltung gefragt hat:
    „Michael meinte er hat sich mit peter gut verstanden, sie seien thematisch nicht so wirklich weit weg voneinander gewesen. lediglich bei dem punkt vom lernprozess der kämpfe wollte peter und wollte niemand im saal (lt. michael gsp-dominiert von den wortmeldungen her, ausschließlich) etwas wissen.“
    Gerade die Frage, was denn diejenigen lernen, lernen müßten, offensichtlich doch nicht lernen, usw. wäre in der Tat auch noch eine Diskussion wert gewesen. Ich stimme da den GSPlern zu, daß „Erfahrungen“ welcher Art auch immer, im Guten wie im Schlechten, also auch im zur Zeit recht mythischen Klassenkampf von Lohnarbeitern per se den Menschen noch nie eine „Lehre“ gewesen sind. Bzw. jeder seine individuellen Schlüsse natürlich als seine Lehre ausgibt.

  6. Ignaz
    5. Mai 2012, 19:04 | #6

    Schon mal danke für diesen Hinweis bzw. Kommentar.
    Hinsichtlich der Lernfähigkeit müsste man tatsächlich schauen, was darunter verstanden wird und was die Voraussetzungen für eine irgendwie gearte „Lehre“ aus Krisenerfahrungen wären. Müssten wir aber grundsätzliche Lernresistenz auf Seiten der Lohnabhängigen voraussetzen, könnten wir uns jede weitere Debatte sparen. Ich denke eher, dass ein Dialog unter Marxisten die erste wesentliche Grundlage für eine Verständigung über Form und Reichweite der Kritik bildet. Hat man diesen Bogen geschlagen, lassen sich sicher recht zügig Unentschlossene, aber auch Schüler und Studierende wieder verstärkt für Kapitalismuskritik interessieren.
    Btw kündigt der VSA-Verlag folgende Neuerscheinung von Altvater für die kommenden Wochen an: http://www.vsa-verlag.de/index.php?id=6576&tx_ttnews%5Btt_news%5D=13820

  7. 5. Mai 2012, 19:16 | #7

    Btw, was ausgerechnet ein Altmarxist, der jetzt bei Attac und der Linkspartei meint, den Fortschritt identifiziert zu haben, zu einer ja ansonsten zu begrüßenden Bewegung „Marx neu entdecken“ beitragen könnte, das möchte ich schon wissen. „insbesondere die Fragen nach Ursachen, Verlauf, Perspektiven und Lösungen der großen Krise “ werden wohl eher „Lösungen“ a la Wagenknecht denn Marx sein, befürchte ich. Aber vielleicht ist er ja vom Saulus zum marxistischen Paulus geworden.

  8. Ignaz
    5. Mai 2012, 19:24 | #8

    Tja, was das Engagement bei Attac und LINKE angeht…interessanterweise haben sich ja doch einige bekennede Marxisten nach der Parteigründung 2007 darauf eingelassen (z.B. auch Haug vom ARGUMENT, Sablowski). Dito mit Attac. Es machte Sinn, wenn in diesen Organisationen eben nicht nur der Sozialreformismus gepredigt würde oder wie derzeit in der LINKEN lediglich auf Umfragewerte und Führungspersonal (was ja nicht zwingend für eine politische Bewegung und Partei gelten muss, sondern erst, wenn man in der Institutionenordnung „ankommen“ will). Als Transmissionsriemen könnte man diese Organisationen eben dann verstehen, wenn versucht würde über einige theoretische Projekte hinaus konkret marxistische Politik zu betreiben und zu organisieren (bspw. Aufruf zu einem derzeit gesetzeswidrigen Generalstreik; hier plant die LINKE eher, das Recht auf politischen Streik zu verbriefen, was wohl kaum eine Staatsmacht durchgehen lassen würde).
    Kampf um Rechte macht nur dann Sinn, wenn man eine derart große Bewegung hat, dass diese „Rechte“ eine Revolutionierung der Herrschaftsordnung bedeuten, das kann auch im Wege der stillen aber steten Transformation passieren. Aber das sehe ich derzeit auch nicht. Und zu dem Altvater-Buch: hat vielleicht immerhin den Effekt, dass Leute MEW23-25 (verstärkt) in die Hand nehmen und sich damit befassen.

  9. 5. Mai 2012, 19:33 | #9

    „zu dem Altvater-Buch: hat vielleicht immerhin den Effekt, dass Leute MEW23-25 (verstärkt) in die Hand nehmen und sich damit befassen.“

    Ist wohl doch eher andersrum: Altvater war doch neben Heinrich einer der Aushängeschilder der Marxlesebewegung, die der Studentenverband der Linkspartei vor einigen Jahren unter viel Medien-Tamtam ausgerufen hat, als wenn es vorher in der ganzen weiten BRD sowas noch nicht gegeben hätte. Also eher Nachklapp als Initiator von was Neuem.

  10. Ignaz
    5. Mai 2012, 19:45 | #10

    Also eher Trittbrettfahrer-Effekt? Ja, das kann auch eine Lesart sein und ich würde nicht mal bestreiten, dass sich einige Akademiker angesichts der Krise wieder über Publikationsmöglichkeiten, Dissertationsvorhaben und Vortragsveranstaltungen freuen, gibt es doch darin immerhin wieder Möglichkeit, sich und seine lange nicht anerkannten Thesen zu vertreten. Das wäre natürlich eine völlig absurde Haltung, aber so wird es in Teilen sein.
    Wie auch immer; jemander 23-25 durch hat, wird zu diesem Buch wahrscheinlich eh nicht greifen. Worauf ich nur hinaus will: wir brauchen uns nicht mit der Abgrenzung oder Kritik gegenüber Altvater befassen, sondern sollte eher berücksichtigen, dass es einigen Leuten damit zum ersten Mal gelingt, Marx zu lesen.

  11. pro_kommunismus
    6. Mai 2012, 21:17 | #11
  12. 10. Juni 2012, 17:59 | #12

    Die Thesen von Decker, mit denen er wohl Gemeinsamkeiten mit und Differenzen zu Heinrich darstellen wollte, haben die Debatte (auf der Podiumsdiskussion) nicht zugespitzt und produktiv werden lassen. Die blog-Diskussion hier zu Heinrich ignoriert und/oder bekräftigt weitgehend die von Decker angesprochenen begrifflichen Inhalte. Deshalb eine Analyse von Deckers Thesen, die nicht nur einen Fehler seiner Vorstellung von der bürgerlichen Welt sieht, sondern auch die Fragwürdigkeit der daraus resultierenden Aufklärung anspricht.
    1. Worum geht es ?

    „Man muss erklären, wie es dazu kommt, dass sie die Gesetze des Kapitals exekutieren, die sie gar nicht kennen; und dass sie durch Betätigung ihrer bewussten Interessen ökonomische Sachzwänge in die Welt setzen“

    Decker unterstellt damit bei den Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft eine Unkenntnis entscheidender Elemente derselben, sodaß sich etwas durchsetzt, das sie schon aus Unkenntnis gar nicht wollen können. Gegen die (wohl bei Heinrich vermutete) Vorstellung eines dabei eigenmächtigen „automatischen Subjekts“ namens Kapital, besteht er aber darauf, dass sie „keine Marionetten, sondern selbstbewußte Menschen“ dabei sind. So sind sie Subjekte und sind es trotzdem ausdrücklich nicht, was einen wesentlichen Inhalt der bürgerlichen Gesellschaft betrifft. Da gibt es in der Tat etwas zu erklären. Zunächst gilt es, eine Bestimmung und Unterscheidung vorzunehmen und festzuhalten, was die Leute als Gesellschaftliches wie wahrnehmen, und deshalb inhaltlich wollen können; und was man ihnen vielleicht erklärend und wohl gegen ihre bisherige Kenntnis doch mitteilen könnte. Den Vorstellungen Deckers dazu ist zu widersprechen:
    2. Erscheinung – das Bekannte.
    a.

    „Wie die Klassen erscheinen, weiß jedes Kind“

    Decker verweist zunächst auf die allbekannte „gespaltene Gesellschaft“ wie auch die „Hierarchie von Einkommen…“ als näheren Inhalt dieser Erscheinungen, die aber nicht für sich stehen sollen, sondern für mehr und anderes als sie selbst, nämlich die Klassen.
    Decker scheint damit jenseits dieser Erscheinungen die Klassen als einen Inhalt vorstellen zu wollen, der für sich nicht bekannt ist.
    b. Was für Decker allemal auch zu diesem bekannten Inhalt zählt, ist der Wert und die Verwertung von Wert:

    „Was der Kapitalist will, ist Wert und Wertsteigerung.“

    Das ist sowohl qualitativ wie quantitativ nicht richtig. Worauf der Wille eines Kapitalisten sich richtet, mag zwar ein Tausch(wert) seiner Produkte (in Geld) sein, dass er dabei Wert im Sinne von gesellschaftlich notwendiger Arbeit realisiert, dürfte ihm nicht bekannt sein. Bzgl. der Grösse des angestrebten Tauschwerts zielt er (mindestens) den Produktionspreis mit Durchschnittsgewinn an, was mit der Wertgrösse (im Sinne von Marx) ebenfalls nicht identisch ist. Hier zeigt sich schon, dass Decker nicht (wie Marx noch) den Wert und seine Steigerung selbst als unbekanntes wie treibendes Wesen von seiner Erscheinung Tauschwert und Gewinn unterschieden haben will. So ist nach Decker der Systemzweck nicht nur allgemein bekannt, es ist auch ein gewollter Inhalt, wenn auch nur der Kapitalisten.
    c. Die Lohnarbeiter verfolgen zwar nicht wie die Kapitalisten den Systemzweck, aber für die Lohnarbeiter gilt nach Decker ebenfalls:

    „Der Gegensatz von Lohn und Profit ist kein Geheimnis“.

    Lohn kennen sicher alle, Gewinn als Überschuß über alle Vorschüsse auch, aber was Profit ist, wie er sich zum Gewinn und zum Lohn verhält, wie er gar zustande kommt, das ist denn doch eher nicht (ohne Marx) geläufig. Dass allgemein bekannt da mit der Lohnhöhe ein Gegensatz zur Überschußmenge, in der sich der Geschäftszweck des Unternehmers bemißt, zum Ausdruck kommt, heißt gerade nicht, dass die Menschen da einen Gegensatz zum Profit (also zur Profitmacherei) kennen und festhalten.
    3. die unbekannte Notwendigkeit der Klassenerscheinungen

    „Wer von Klassen redet, sagt mehr als die Soziologenphrase von der sozialen Ungleichheit. Er benennt den Grund für die ungleiche Verteilung der Glücksgüter“

    „das Etikett „Klassengesellschaft” (ist) eine fundamentale Kritik“

    Zwar will nicht jeder, der unterscheidend von Klassen redet (besonders gern bei Fahrzeugen und Fußballvereinen) gleich eine Begründung vornehmen; und selbst die Kenntnisgabe der Unveränderlichkeit von gesellschaftlichen Unterschieden will meist nicht mehr als fatalistische Klage sein.
    Decker führt aber unter den allbekannten Unterschieden der Gesellschaft ein bestimmtes Element als Grund an, das in sich die Notwendigkeit zu den Klassenerscheinungen enthalten soll:

    „Mit der Stellung zum Eigentum an den Produktionsmitteln, – ob nämlich einer sie besitzt oder ob er nur sich selbst als Eigentum besitzt, – sind das Erwerbsleben und die Resultate der individuellen Anstrengungen vorentschieden und im Durchschnitt nicht mehr entscheidend veränderbar. Der Besitz „ökonomisch relevanten Eigentums” (Heinrich) erlaubt seinem Besitzer den Arbeits- und Lebensprozess der Gesellschaft als Instrument der eigenen Bereicherung auszubeuten“

    4. Falsches Bewußtsein
    Diese Notwendigkeit aus dem Eigentum für die Existenz der Klassenerscheinungen wird (auch) von den (arbeitenden) Mitgliedern dieser Gesellschaft so nicht geteilt:

    „Die Betroffenen sehen ihre Lage anders….“

    a. Nichtwissen
    Einerseits besteht nach Decker die Falschheit einfach negativ darin, dass sie

    „… nichts davon wissen, dass eine durch Eigentumslosigkeit definierte Klassenlage ihr Leben weitgehend vorherbestimmt“

    Das Anderssehen besteht also nach Decker nicht in der Unkenntnis der materiellen Lage selbst, noch der Dienstbarkeit für die Verwertung von Wert, die nach Decker im erfolgreichen Zweck der Kapitalisten sowieso offenliegt. Es liegt für ihn auch keine Täuschung darin vor, was Eigentum ist, und was sie so jeweils ihr eigen nennen.
    Ein Irrtum liegt lediglich vor in Bezug auf die Notwendigkeit dieser Dienstbarkeit aus dem Eigentum; bzw. für den Lohnarbeiter: dem Nicht-Eigentum.
    Diese andere Sicht zumindest der Lohnarbeiter bzgl. der Notwendigkeit ihrer Stellung in der Gesellschaft ist so als offensichtlicher Widerspruch, als schiere Dummheit und so(gar) als (logische) Unmöglichkeit vorgeführt: Sie nehmen etwas – das Eigentum – als Mittel, obwohl sie über ein solches gar nicht verfügen.
    Mag zwar die Verwertung als Zweck der Kapitalisten und des Wirtschaftens allgemein bekannt sein, unbekannt ist nach Decker doch die zwangsläufige Konsequenz daraus, die sich für die Kapitalisten wie alle Mitglieder der Gesellschaft daraus ergibt:

    „Was er nicht kennt und nicht will, ist das Wertgesetz, das er und seinesgleichen durch ihre allseitige Aktion erzeugen und dem sie unterliegen.“

    Unbekannt sind ihnen diese Konsequenzen für sich damit aber nicht, sie kennen durchaus die „Meßlatte des Erfolgs“ in Sachen Konkurrenz, bemühen sie sich in ihr doch konsequent, diese Folgen (natürlich nur für sich) zu vermeiden: nach Marx

    „ zwingen sie einander, nicht den Zweck, aber die Messlatte des Erfolgs ihrer Zweckverfolgung auf“

    Wie kommt es dann aber zustande, dass ihnen diese Notwendigkeit aus der Verwertung ein Geheimnis ist und bleibt?

    „Die Konkurrenz, zu der sie berechtigt und willens sind, verdeckt ihnen, dass eben diese Konkurrenz freier und gleicher Bürger dem Inhalt nach ein einseitiges Dienstverhältnis vermittelt“

    „Auf Basis des politischen Zwangs zum Verkehr als Privateigentümer zwingen die Akteure einander die Logik und die Konsequenzen ihrer Erwerbsquellen dadurch auf, dass sie sie in Konkurrenz zu einander betätigen“

    Der Wille zur Konkurrenz liegt offensichtlich vor, er ist für ihre Durchführung des auch gegen sie gerichteten Zwecks auch unabdingbar. Wie kommt dieser Wille aber zustande, wenn nicht die ökonomischen Formen selbst, sondern erst die von ihnen selbst bewußt ausgeführte, tätige sprich ge-tätigte Konkurrenz selbst den Schleier über die Verhältnisse legt?
    b. Nichtwollen ?
    So ein Irrtum (gerade der Lohnarbeiter) über die mit der Verwertung einhergehenden Notwendigkeit erwiese sich eigentlich von selbst als solcher, wenn nach Decker die Betroffenen selbst nicht positiv und aktiv einen Fehler machen würden:

    „die Betroffenen…wollen nichts davon wissen, dass eine durch Eigentumslosigkeit definierte Klassenlage ihr Leben weitgehend vorherbestimmt“

    Die Überführung des oben noch als Nicht-Eigentum an Produktionsmitteln, also in Bezug auf bestimmte Gegenstände bestimmtes Verhältnis in ein generelles Nicht-Eigentum bei den Arbeitern macht ein Eigentum des Lohnarbeiters zur willkürlichen Fiktion.
    Nach Decker liegt eine reine Unkenntnis hier also gerade nicht vor (der man gedankliche Fehler erweisen könnt), vielmehr eine Verleugnung von Gewußtem, Willkür gegen die Wirklichkeit, gedankliche Unredlichkeit.
    c. Wieso schlagen (nicht nur) die betroffenen Lohnarbeiter eine solche Volte ?
    Gerade weil die Falschheit beim subjektiven Eigentum der Lohnarbeiter nach Decker so absolut ist, kann ein Fehlurteil für ihn nur an der anderen Seite dieses Eigentumsverhältnisses vorliegen. Weder die Nichtigkeit ihres Mittels noch den geltenden Zweck Verwertung von Wert muß man den Betroffenen erweisen, man kann ihnen nach Decker nurmehr ihre willkürliche Beurteilung der hoheitlichen Erlaubnis zum Eigentum als Fehler vorwerfen:

    „Weil sie nicht per Geburt in einer Kaste oder einem Stand eingesperrt sind, sondern frei mit ihrem Eigentum um ökonomischen Erfolg konkurrieren dürfen, wollen sie auch nichts davon wissen, dass eine durch Eigentumslosigkeit definierte Klassenlage ihr Leben weitgehend vorherbestimmt.“

    „Dass es ihnen um sich gehen darf, dass sie von niemandem gezwungen werden, …“

    Als Begründung, mit der man dem Betroffenen einen Denkfehler erklären kann, taugt das allemal nicht: Aus einer Erlaubnis selbst folgt nie und nimmer die Wahrnehmung des Erlaubten.
    5. Erklärungsbedarf
    Wie sieht aufgrund des obigen Befundes das notwendige Erklärungsbemühen aus, was gilt es den Mitgliedern der Gesellschaft an Erkenntnissen zu (den Notwendigkeiten in) dieser Gesellschaft darzulegen?
    Über die Verwertung selbst und ihre Formen (wie auch ihre spezifische Form der Verfügung) muß nach Decker nicht aufgeklärt werden, diese kennen angeblich schon alle. Klärung bedarf vielmehr der Weg, wie die Menschen darauf verfallen, sie trotz Kenntnis als ihre anzunehmen. Da ihnen erst ihre eigenen Taten in der Konkurrenz die Notwendigkeit der Schäden verschleiern, steht an erster Stelle der Aufklärung diejenige über die – Eigentum und Konkurrenz darum – erlaubende Instanz der Gesellschaft.
    Den Staat sollen die ökonomischen Subjekte nicht mehr als ihren Gönner und Gewährleister ihrer Interessen wollen, sondern nach Decker wahrnehmen als

    „Die erste Quelle der ´subjektlosen´ Macht des Kapitals und seiner Sachzwänge“.

    Die Erlaubnis zum Eigentum soll endlich als Gewalt genommen werden, o h n e dass das Erlaubte in seiner Qualität noch als feindlich erwiesen werden muß – etwa als notwendige Folge des kapitalistischen Heißhungers nach Mehrarbeit.
    An zentraler Stelle dieser Aufklärung steht mithin die über den Staat als Gewalt, und kann so hoffnungslos wie verzweifelt nur noch den Inhalt eines moralischen Vorwurfs haben, dass die Menschen sich ihr unterwerfen.

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